Die Medien sind wir selbst

7. August 2012: Ich bin wieder in meinem Erdhügel. Meine Möbel begrüssen mich und schenken mir Ur-Vertrauen.

Das Unterwegs-Sein der letzten Woche hat mir eine bedeutende Wahrheit über mein Leben vermittelt: Ich bin geläutert. So ein altmodisches Wort für so eine neue Erkenntnis.

Der Gang durch die Stadt war überhaupt kein Spießrutenlauf, wie ich zuerst befürchtet hatte. Jeder Kiosk hätte mich anschreien können: »Kauf dir eine Zeitung, du musst doch erfahren, was in der Welt los ist.« Aber nichts ist passiert. Was soll schon in der Welt los sein, die Welt ist doch hier.

Ich lebe seit Monaten ohne Medien, selbst die alten Zeitungen benutze ich nur, um AK meine Botschaften zu übermitteln. Ich schaue nicht mehr hinein in diese andere Welt. Mein Interesse an Nachrichten jeder Art ist verschwunden. Ich habe mit mir selbst genug zu tun. Ich bin mir selbst genug.

Ich laufe durch den Park, ich bin im Dorf von Gareth und sehe so klar wie schon lange nicht mehr. Ich schaue den Menschen in die Augen und sehe, was mit ihnen ist. So glaube ich zumindest. Ich erhalte manchmal einen Antwortblick, der sagt: »Ja, genauso ist es. Schön, dass du es sehen kannst.«

Wieder diese Verbundenheit! Wir sind alle miteinander verbunden, direkt, ganz ohne diese »sozialen Netzwerke«. Wir können uns in Gedanken austauschen, miteinander sprechen, miteinander fühlen. Ohne irgendwelche Medien dafür nutzen zu müssen. Die Medien sind wir selbst.

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Bin ich das überhaupt noch? Und: Ich trage keinen Hut!

6. August 2012: Gleich zu Anfang:

1. Ich weiß nicht, was ich in meiner »Untergrundarbeit« noch so vor habe.

2. Ich ernte nichts auf dem Erdhügel.

3. Ich trage keinen Hut.

Das scheinen ja die wichtigsten Antworten für Sie zu sein.

Ich konnte nicht anders, ich war im Kunsttempel. AK hat mir das Programm in unseren Briefkasten gelegt. Mit meinem Stadtplan war es keine Kunst, den Ort zu finden. Die Herausforderung war, so weit durch die Stadt zu laufen. In den letzten Monaten habe ich mich ja so gut wie nicht bewegt. Jetzt gehe ich durch die Strassen, schaue auf die Menschen. Mein Chauffeur hat mich damals vor all diesen Eindrücken »beschützt«. Ich bin so gut wie gar nicht mehr zu Fuß gegangen. Wie schade das doch war. Jetzt sehe ich alles in meiner Geschwindigkeit. Es ist irgendwie so, als ob mich das Leben wieder zurück holt.

Ich war nur draußen auf der Terrasse. Gut, dass es einen Lautsprecher gab. Unten in dieser Bar hätte ich es nicht ertragen, meine Geschichten zu hören. Neben mir saß ein Herr mit Sonnenbrille, der sicher Künstler ist. So ganz in Schwarz, wie er gekleidet war. Er lächelte. Wir haben nicht miteinander gesprochen, nur gemeinsam zugehört.

Erschreckend, was ich da am Anfang meiner Erdhügelzeit von mir gegeben habe. Bin ich das überhaupt noch?

Auf der anderen Seite: Wie anders ich heute über mich denke. Wie weit weg mein altes Leben ist – die ewig gleiche Arbeit, die Müdigkeit am Abend, die Sinnlosigkeit meines Tuns.

Ich bin das Alte nicht mehr.

Dafür war es wirklich gut, alles aufzuschreiben. Ich erkenne den Unterschied. Ich sollte Schreibkurse in meinem Erdhügel anbieten! Übernachtungsplätze wie Gareth in seinem Dorf offerieren. Mit meinen Gästen über das Leben philosophieren. Ihnen eine Auszeit gönnen.

Als AK vorgelesen hat, konnte ich die Verbindung zu den Menschen spüren, die unten in der Bar zuhörten. Ich scheine ihnen etwas zu geben, mit dem, was ich aufgeschrieben habe. Das fasziniert mich – ehrlich. Ich habe den Menschen etwas zu geben? Wenn ich doch nur meine Gedanken aufschreibe?

In der Pause sind die Zuhörer nach oben gekommen. Das war sehr schön, sie dort alle zu sehen. Sie sahen so entspannt aus. Ein kleines Mädchen war eingeschlafen, der Vater trug es behutsam. Viel würde ich geben, so schlafen zu können. In mitten all dieser Menschen, einfach schlafen.

Ich bin kurz weggegangen, hatte zu sehr Angst, in ein Gespräch verwickelt zu werden, mich vielleicht zu verplappern. Ich bin einige Treppen runter  und stand doch tatsächlich in einem Gemüsegarten! Und es hat auch noch mit der documenta zu tun. Irgendwie passt hier alles zusammen.

Beim zweiten Teil saß ich wieder oben. Ich merke: Sie fühlen mit mir, so kommt es mir jedenfalls vor. Danke dafür, das hilft mit sehr.

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Ich blühe wie eine Rose

5. August 2012: Wie schön ist es, meine Mutter dort im Café sitzen zu sehen. Sie hatte nie viel Bedeutung in meiner Entwicklung – so habe ich das immer geglaubt. Doch jetzt durchströmen mich starke Gefühle. Ich bleibe erst noch eine Weile stehen, bis ich sie anspreche. Sie freut sich sehr! Das überwältigt mich, zum ersten Mal in meinem Leben.

Ich hatte irgendwie vergessen, dass ich eine Mutter habe!

Sie interessiert sich sehr für mein Befinden: »Du siehst gut aus. So rosig.« Das ist eine sehr schöne Bezeichnung für meinen Zustand: Ich blühe wie eine Rose.

Ich kann ihr nicht sagen, dass ich im Erdhügel wohne. Sie würde sich sofort noch mehr Sorgen machen. Ich erzähle ihr trotzdem von meinen Erlebnissen, ist doch egal, woher ich sie habe und wo ich wohne. Sie hört zu, sie fragt ab und zu. Habe ich vergessen, dass meine Mutter das mindestens genau so gut kann wie mein Vater? Ja, das habe ich vergessen!

Zwischendurch schauen wir uns nur an. Schweigen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals mit meiner Mutter geschwiegen zu haben. Nichts ist peinlich, alles ist gut. Mir kommen die Tränen, meine Mutter gibt mir ein Taschentuch. Sie nimmt sich auch eins!

Wir bleiben lange zusammen. Ich lade sie ein, den Erdhügel von außen zu betrachten. Sie bleibt lange dort, setzt sich hin. Schweigt. Schaut mich an. Lächelt. Weiß sie doch etwas? Ich sage nichts.

Ich muss ihr versprechen, sie anzurufen. Ich verspreche ihr, einen Brief zu schreiben. Schreiben gefällt mir wesentlich besser als Telefonieren.

Danach bin ich noch einmal für eine Nacht bei Gareth. Nicht, was Sie denken (vor allem, weil ich AK erlaubt habe, diesen einen Text lesen zu dürfen). Es war einfach schön, mit jemanden zu reden, der auch mit der documenta verbunden ist. In einem Kunstwerk lebt. Und ich erzähle ihm über die Begegnung mit meiner Mutter, die so schön war. Ich meine, beides war schön: die Begegnung und meine Mutter.

Gareth ermuntert mich, seinen Nachbarn Pierre Huyghe zu besuchen. documenta-Besucher wissen schon: die Skulptur mit dem Bienenschwarm, den zwei Hunden. Dort treffe ich einen ernsten jungen Mann, der auch jeden Tag in einem Kunstwerk lebt. Sich um die Hunde kümmert. Er sagt, wie sich sein Leben seit der documenta verändert hat. Es ist wie bei mir, ich fühle mich wieder verbunden. Abends geht der junge Mann dann nach Hause, um am nächsten Morgen wieder im Kunstwerk zu sein. Fast so wie ich also. Mit einem entscheidenden Vorteil: Er hat ein Zuhause.

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Nichts tun. Und meine Mutter kommt

4. August 2012: Mein Leben, mein Arbeitsleben hat immer nur aus Tun bestanden. Jetzt beschäftige ich mich die meiste Zeit mit Nichtstun. Ich weiß, das klingt seltsam, denn wenn Nichtstun eine Beschäftigung ist, ist es ja kein Nichtstun mehr. Ich glaube, dass ist dasselbe wie an nichts denken. Was folgt aus diesem ganzen Nichtsdenken und Nichtstun? In einem Satz gesagt: Ich mache nur das, was ich wirklich liebe und von dem ich glaube, dass es etwas auf dieser Welt verändert.

Ich weiß nur noch nicht, was es ist. Noch bleibt mir Zeit, mich zu entscheiden.

Meine Mutter will mich besuchen. Ich habe ihr meine Postfach-Adresse in Kassel hinterlassen. Dieses Postfach habe ich gestern geleert. Zum ersten Mal habe ich nachgeschaut.

Sie macht sich Sorgen! Das ist nichts Neues, sie hat sich immer Sorgen gemacht. Morgen wollen wir uns treffen und zusammen Kaffee trinken. Was soll ich ihr sagen? Das ich seit vier Monaten in einem Erdhügel lebe?

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Noch ein bisschen im Dorf

2. August 2012: In der nächsten Nacht sehen wir tatsächlich Typen, die mit Taschenlampen die Kunst angucken! Ich fasse es mal wieder nicht. Die Kunst hat doch Öffnungszeiten! Ich brauche im Hügel meine Nachtruhe! Aber nein. Aus und vorbei. Gareth lacht: »Only today: Special tours because of 50 days documenta.«

50 Tage documenta? Ich verstehe nix. Dann verstehe ich. Ach so, »Bergfest«. Ja, ja, alles klar. Die Hälfte ist vorbei. Es macht mich traurig, das zu hören. Noch weitere 50 Tage und es gibt dann keinen Erdhügel mehr? Unvorstellbar. Wo soll ich hin?

Gareth lacht wieder: »That’s life. You have to go one day.«

Aber doch nicht jetzt schon. Ich brauche noch ein paar Monate. Mindestens ein paar Monate. Gerade geht es doch los mit meinem neuen Leben.

Am Dorfkiosk können Besucher die Tomatenmark-Tassen kaufen, aus denen mir gestern getrunken haben. Oder vielleicht ein Brot, das innen so schön ausgehöhlt ist? Die Kioskverkäuferin zeigt bereitwillig ihre Schätze, die Besucher nicken eifrig. Auf meiner Hitliste der lustigsten documenta-Plätze kurz hinter dem Schrankenplatz.

Ein Pfad führt zu den Bäumen. Kurz vor dem Ende eine Schnur. Es geht nicht mehr weiter. Dahinter: ein Kühlschrank. Die Besucher verweilen, wollen die Tiefen der künstlerischen Aussage ergründen. Ich darf in den Kühlschrank gucken, später am Tag. Nix Kunst, sondern: Milch, Butter, Käse. Und Bier. Alles klar.

Es gibt hier fantastische Schreibplätze, manchmal durch Bänder von den Besuchern abgegrenzt. Ich bin ja »Resident« und darf hier sein. Kann ich alle meine negativen Erlebnisse von früher durch Schreiben heilen? Ich könnte ja einfach erfinden, wie das schöne Leben ist. Dann ist das Drama doch aufgelöst oder? Ein Drama wird ja durch Wiederholung nicht besser. Schreibe ich das Drama aber auf, löse ich mich davon. Und gebe dem Leser die Chance, sein eigenes Drama zu erkennen und auch aufzulösen. Freuen Sie sich auf viele Dramen meines Lebens in den nächsten Wochen. Ich gehe nämlich heute in meinen Erdhügel zurück.

Noch was: AK hat mir von einer Lesung am Sonntag erzählt und mich um Erlaubnis gefragt. Wofür der wiederholte Rummel? Braucht AK das für sein Ego? Von mir aus gerne. AK sollte aber darüber nachdenken, was er da macht. Und warum. Und wofür. Good luck. Und gute Unterhaltung.

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documentablog-Lesung am 5. August 2012 um 19 Uhr

My Little Garden of Sounds – Lesung documenta-Blog Andreas Knierim: Nichts. Tun. Inside documenta.

Über Briefe und Notizen erhält Andreas Knierim seit drei Monaten Nachrichten von Isabelle Hüter. Sie bewohnt, nach eigenen Aussagen, den Doing-Nothing-Garden der dOCUMENTA (13). In der Lesung „Nichts. Tun. Inside documenta“ berichtet der Chronist über Hüters Botschaften und die Reaktionen.

Isabelle Hüter schreibt in ihrer ersten Nachricht: „40 Jahre später, genauer gesagt vor einem Monat, habe ich mich entschieden, endlich Kunst zu sein. Als Frau von knapp 50 Jahren wohne ich in einem Kunstwerk der documenta. Genauer gesagt: in einem Erdhügel. Die erfolgreiche Quotenfrau aus dem Vorstand eines Industriekonzerns wohnt in einem Erdhügel.“

Mit ausdrücklicher Erlaubnis von Isabelle Hüter wird Andreas Knierim aus dem Blog „Nichts. Tun. Inside documenta“ im My Little Garden of Sounds öffentlich vorlesen.

Sonntag, 5. August 2012 um 19 Uhr
Kassel, Friedrich-Ebert-Str. 117 (Kunsttempel ggü. der Stadthalle)

Weitere Informationen: http://www.facebook.com/LittleGardenOfSounds

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Mut. Im Park. Und im Dorf

1. August 2012: Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen – so habe ich mich letzte Woche gefühlt, als ich mit dem Schlafsack unterm Arm aus meinem Hügel spaziert bin. Auch nachts unter Menschen zu sein, seit drei Monaten habe ich mich das nicht mehr getraut.

Mein Mut führt mich durch diesen wunderbaren Park. Da es keine Wegebeleuchtung gibt, funkeln die Sterne über mir so, wie ich sie noch nie gesehen habe. Oder in Erinnerung habe. Ich bleibe immer wieder stehen. Voller Ehrfurcht ob der Schönheit, die mich umgibt. Ich breite meinen Schlafsack aus. Und schaue jetzt in das Himmelszelt, das mich beschützt. Himmelzelt ist so ein schönes Wort, ich brauche doch gerade ein Zelt!

Ich schlafe so gut wie gar nicht. Alles ist so interessant, so neu. Gestalten, Geräusche, Gerüche. Der warme Wind. Dann schlafe ich doch.

Ich schaffe es am nächsten Morgen nicht weit. Ich entdecke ein Kunstwerk, das nach Kaffee riecht! Kunstwerk ist wirklich untertrieben, denn ich spreche von einem ganzen Dorf, was hier aufgebaut ist. Keiner zu sehen. Zuerst einmal. Dann sehe ich den Kaffeekocher persönlich. Er nickt mir zu.

ER NICKT MIR ZU. Was hat das denn jetzt zu bedeuten? Jetzt spricht er auch noch: »Come in, have a cup of coffee.« Park-Schlafsack-Übernachter lassen sich das nicht zweimal sagen. I will have a cup of coffee for sure. Wir trinken aus Tomatenmark-Dosen, an die kleine Henkel gelötet sind. Es werden einige Tassen. Es werden einige Geschichten. Gareth erzählt, dass er schon seit zwei Jahren hier ist. Lauter Sachen gesammelt und zu diesem Dorf zusammen gebaut hat. Ich fasse es nicht.

Ich erzähle ihm meine Geschichte. Schon wie bei Marcos vom Hypnosehaus ist es für ihn selbstverständlich, dass ich im Erdhügel wohne. Ich habe Probleme damit, dass er keine Probleme damit hat. Sage ich ihm aber nicht. Wir plaudern, Gareth bietet mir an, eine Weile hier zu bleiben. Gerade ist wieder Platz geworden. Denn Teil seiner Kunst ist auch, dass er Platz für Gäste hat.

Im Laufe des Tages erkunde ich das ganze Areal: Mein Lieblingsplatz ist am Eingang des Dorfes. Die Besucher kommen über einen schmalen Pfad, es gibt eine kleine Schranke. Die beiden jungen Frauen am Eingang klären die Gäste auf: Keine Kameras, keine Handys. Bitte abgeben.

Für ihre iPhones oder Nikon-Digitalkameras erhalten die Besucher – eine Kastanie mit handgemalter Nummer! Ich liebe die Gesichter der Menschen in diesem Augenblick des Tauschens. Sie schauen auf die Kastanie, sie schauen auf ihre Kameras und Telefone, die in einem Fach verschwunden sind. Ist das ein fairer Deal? Kriege ich meine Sachen wieder zurück? Ihre fragenden Minen sind das Lustigste, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe! Ich könnte stundenlang dort stehen bleiben.

Später am Tag darf ich selber die Kastanien ausgeben. Je neuer das Handymodell desto verschrubbelter die Kastanie ist meine Devise. Dabei besonders schön lächeln und die Frucht sanft in Hand meines Gegenübers drücken. Diese Bewegung entscheidet alles. Vertrauen entsteht durch mein Lächeln und die Liebe in der Übergabe der Nummern-Kastanie. Lächle ich nicht oder bin ich zu zaghaft in der Aushändigung, regt sich sofort Protest. Mein Gegenüber will diskutieren. Dann wird es endlos.

Die Meister der documenta stehen hier an der Schranke. Sie kennen die Menschen. Sie sind liebevoll. Denn sie befreien die Besucher von ihrer materialistischen Last. Und von ihrem Zwang, alles dokumentieren zu müssen. Sie machen aus den Gästen des Dorfes wieder Menschen, die wieder durch ihre eigenen Augen blicken und ihre Eindrücke auf den Smartcards in ihrem Köpfen speichern.

Wenn ich über die Besucher lache, lache ich über mich: Mein Blackberry hätte ich nie aus der Hand gegeben. Ich wäre an der Schranke umgedreht. Niemals ohne diesen Herzschrittmacher, der mir den Takt des Lebens vorgibt! Vorbei. Keine Ahnung, wo das Ding gerade liegt und den letzten Rest Energie aus seinem Akku saugt. Wacker E-Mails auf das Display pusht. Niemand schaut mehr drauf. Es muss allein klar kommen.

Ich kann nicht mehr schreiben. Ich muss zuviel lachen. Morgen mehr.

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Mein Experiment

25. Juli 2012: Ich mache ein Experiment und verlasse meinen Erdhügel für mehrere Tage. Ich habe einen Schlafsack und werde mir einen Platz in der Karlsaue suchen. Oder weiter weg gehen. Ich werde all meine Gedanken dazu aufschreiben. Mein fester Wille ist es, wieder zurück zu kehren. Hoffentlich.

Ich werde den Tag so leben, wie er sich mir zeigt. Ich habe Angst und ich werde durch diese Angst gehen. Ganz allein. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich mich meiner Angst voll und ganz stellen. Nicht ausweichen. Meine Angst genießen.

Und: Ich danke Ihnen für Ihre Antworten auf meine Frage vor zwei Tagen. AK hat mir alles ausgedruckt und in meinen »Briefkasten« gelegt. Ich nehme alles mit. Werde es in Ruhe lesen.

Ich werde Ihnen berichten. Denken Sie an mich in dieser Zeit. Wenn Sie wollen.

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Ich fühle mich wertgeschätzt

24. Juli 2012: Je länger ich mich in meinem Erdhügel aufhalte, umso klarer wird mir: Ich fühle mich wertgeschätzt. Und nicht etwa deshalb, weil mich dafür jemand lobt, dass ich hier lebe. Das tut keiner. Ich lobe mich selbst dafür, hier zu leben. Und dies Lob führt zur Wertschätzung meiner Selbst.

Noch vor sechs Monaten war ich skalvisch abhängig davon, gelobt zu werden. In jedem zweiten Fachzeitschriftenartikel ging es um Wertschätzung der eigenen Mitarbeiter. Und wer wertschätzte mich? Hallo, ich will endlich anerkannt werden für das, was ich hier in diesem Scheißladen gemacht habe!

Keine Antwort. Ich habe tatsächlich geglaubt, in einem Bonussystem Punkte zu sammeln, die schließlich zur Einlösung kommen dürfen: Ich erhalte als Prämie jede Menge Wertschätzung. Leider existiert dafür gar kein Prämienkatalog. Ist mir erst sehr spät aufgefallen.

Hier im Hügel habe ich mich entschlossen, diese Punktekarte endgültig wegzuschmeissen. Zu dem ganzen anderen Müll, der mich hier jeden Tag umgibt. Meine Bonuspunkte dürfen vergammeln, wieder zu Erde werden. Ich sammele nicht mehr, ich genieße die Zeit, die ich gewonnen habe.

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Nichts. Hoffnung. Und eine Bitte um Antwort

23. Juli 2012: Wenn alles nicht mehr wäre, was würde dann bleiben? Mir würde die Liebe zu den Menschen bleiben. Zu den Menschen, die jeden Tag zu »meinem« Erdhügel kommen und hier verweilen. Ich kenne diese Menschen nicht und trotzdem spüre ich für diese Menschen so etwas wie Liebe. Ich bin mit ihnen verbunden, obwohl sie mich gar nicht sehen können.

Ich bin sehr verblüfft über diese Gefühle, die mich hier jeden Tag durchströmen. Ich habe mich in den letzten drei Monaten – seit ich hier lebe – sehr verändert. Aus der Ablehnung meiner Selbst ist die Liebe meiner Selbst geworden. Und daraus ist die Liebe zu all diesen Menschen entstanden!

Aus der Einsamkeit ist für mich Gemeinschaft geworden. Ich fühle mich wirklich gemeinsam mit diesen Menschen auf der documenta. Wie ein unsichtbares Band sind wir verbunden. Die Künstler haben wahrscheinlich dieses Band geknüpft, dazu die Leiterin und all die anderen documenta-Leute. Sie scheinen für etwas zu kämpfen, für etwas Neues, das Hoffnung geben soll. Ich spüre diese Hoffnung sehr deutlich und will Botschafter dieser Hoffnung sein.

Können Sie diese Hoffnung auch spüren? Und wenn es etwas Neues gibt, was ist das?

(Zum ersten Mal interessiere ich mich dafür, dass Sie mir antworten. Sie müssen aber nicht. Ich nehme es so, wie es kommt.)

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